Superkeit ist kein Zufall

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Zur Strukturdiskussion der Progressiven Plattform

Vor ein paar Tagen fand das „konstituierende Mumble“ der Progressiven Plattform statt. In gewisser Weise ironisch, fanden auf jenem Mumble-Server bereits viele Treffen statt, die so meilenweit von Liberalität oder Progressivität entfernt waren, dass auch alle strategische Lackreserven der Welt nicht darüber hinwegtäuschen könnten. Nüchtern betrachtet ist Mumble aber eigentlich auch nur eine bessere Telefonkonferenz. Kann man machen, ist aber eben auch sehr linear, mit Tendenz zum Schwafeln. Als Jour-fixe um weitere Leute mitzunehmen und ein paar Leuten einen Anlass zu geben ihre Gedanken zur Plattform niederzuschreiben war es dennoch insgesamt eher hilfreich, auch wenn aufgrund der Form einige Leute nicht zu Wort kamen und natürlich keine Entscheidungen getroffen werden konnten.

Etwas verwundert haben mich dann aber die dort und im Nachhinein geäußerten Vorschläge, wie wir unsere Kommunikation im Gegensatz zur Restpartei besser gestalten könnten.

An einer Vorselektion, mindestens in der Anfangszeit, führt auch in meinen Augen kein Weg vorbei. Denn dass einige Leute es nicht zulassen wollen, dass auch progessive/linke Menschen Politik in oder neben der Piratenpartei gestalten, kann wohl als Fakt angesehen werden und wurde sowohl im Mumble-Chat als auch auf Twitter mannigfaltig dokumentiert. Das gewählte Vertrauens-Modell (mitmachen kann, wer zwei Mitglieder findet, die für eine*n bürgen) ist dabei im Vergleich zu anderen Organisationen mit Aufnahme per Vorstandsbeschluss eine verhältnismäßig flexible und hierarchiearme Form der Absicherung. Aber es ist eben auch nicht viel mehr als das: eine Absicherung gegen Trolle.

Einige Leute scheinen sich davon aber mehr zu erhoffen — Superkeit durch politische Bildung. Als wäre niemand von uns je in einer linken oder anderweitig politisch aktiven Gruppe gewesen, in der politische Bildung vorhanden war. Der Glaube, durch eine Vorselektion der Mitglieder und einer damit verbundenen höheren Homogenität und moralischen Integrität der Eigengruppe plötzlich super arbeiten zu können, mutet schon ein wenig an wie die Überheblichkeit, welche bereits die Piratenpartei in die Stagnation getrieben hat: Der Gedanke, dass man sowohl auf tradierte wie auch auf moderne, IT-gestützte Strukturen verzichten könne, weil die eigenen Mitglieder einfach toller sind. Politik 2.0 durch Mensch 2.0. Das sollten wir inzwischen besser wissen.

Denn selbst die besten Appelle an einen vernünftigen Umgang verhallen irgendwann, und weder politische Bildung noch der Gründungselan (mit all seinen Projektionsflächen) werden uns ewig tragen. Irgendwann werden auch wir an einen Punkt gelangen, an dem in Diskussionen alles mögliche eingebracht wird, aber eben nicht nur politische Bildung.

Wenn wir eine effiziente und tragfähige Struktur entwickeln wollen, sollten wir uns bereits jetzt Gedanken darüber machen, wie wir neben einer Entscheidungsplattform in Form einer SMV o.ä. unsere Kommunikationskanäle strukturieren wollen. Dass Mailinglisten und Twitter nicht die Antwort sind, dürfte relativ unumstritten sein. Und auch Real-Life-Treffen und „Twitter aus und telefonieren“ sind wohl eher Notlösungen denn der Weisheit letzter Schluss für eine Plattform, die sich selber Zukunftsbejahung und Technikoptimismus zuschreibt und zudem überregional wirken möchte.

Anforderungen an ein solches Kommunikationsmittel wären für mich u.a.:

  • geringe inhaltliche Beschränkungen: Das 140-Zeichen-Limit von Twitter ist oft mehr Fluch als Segen für die politische Kommunikation. Status-Updates an sich können hilfreich sein, wir brauchen aber eine Plattform für ausführlichere Diskussionen.
  • flexible Kommunikationsgruppen: Ein Kommunikationsmittel sollte die spontane Bildung von Gruppen befördern und nicht behindern, also ähnlich flexibel wie E‑Mail, dabei aber einfacher zu handhaben sein. Diese Gruppen sollten mit einfachen Mitteln privat oder öffentlich gemacht werden können.
  • demokratische Mechanismen zur Relevanzbewertung: Bei Twitter gibt es bereits Fav und Retweet, bei Facebook Like und Teilen, was beides in diese Richtung geht und die Informationsflut bewältigbar macht. Neben der Möglichkeit Inhalte weiter zu verbreiten sollten einzelne Inhalte durch einfache Mittel auf einer Positiv-Negativ-Skale bewertet werden können, damit sowohl Ersteller*in als auch andere Benutzer*innen direktes Feedback erhalten. Zugleich werden damit auch die Inhalte nach Relevanz oder Zustimmung/Ablehnung filterbar.
  • effiziente Filter: Irrelevante Inhalte (und das kann auch mal ein negativ bewerteter Ich-habe-schlechte-Laune-Rant sein) sollten ausgeblendet werden können, um auch innerhalb kurzer Zeit die wirklich produktiven Inhalte erfassbar zu machen. Die Filterung sollte aber individuell einstellbar sein und die Möglichkeit enthalten, bestimmte Leute zu blocken. Besonders relevante (oder auch umstrittene) Inhalte, auch aus anderen Kommunikationsgruppen, sollten zentral hervorgehoben werden können um wichtige Inhalte schnell zu verbreiten und den Informationsfluss zwischen Kommunikationsgruppen zu verbessern.

Einigen Leuten mag es bereits jetzt vor einer Tooldiskussion grauen, aber letztlich definieren unseren Tools unsere Abläufe und Möglichkeiten zu interagieren. Gute Kommunikationsinfrastruktur sind das A und O einer vernetzenden Plattform. Insofern würde ich mich freuen, wenn sich auch ein paar weitere Leute Gedanken dazu machen und eventuell ein paar Tools ausprobieren. Die zur Verfügung stehenden Optionen sollten wir dann bei nächster Gelegenheit präsentieren und ausprobieren. Telefon und Real-Life-Treffen bleiben uns ja als Optionen erhalten. ;)

Wer ebenfalls Lust hat ein paar Dinge zu testen (oder bereits dabei ist) kann sich gerne bei mir per Mail (pplattform /ät/ propaganda23.de) oder Twitter (@nichstistwahr) melden. Zwischenergebnisse können wir ja im Padspace dokumentieren.

Ein Gedanke zu „Superkeit ist kein Zufall

  1. Christophe Chan Hin

    Tooldiskussion yeah!

    Also ich glaube das http://www.discourse.org/ vielversprechend ist. Die haben analog zu dem Bürgenden System auch in die Diskussionplattform ein „Vertrauenssystem“ eingebaut. Da die mit Stack Exchange ja schon ein wenig was geboten haben bin ich da zuversichtlich. Ich glaube dass es die vier Punkte die du aufstellst ansprichst und wir könnten das ja mal ausprobieren. Das würde ich gerne mal testen.

    Die SMV in dem Kontext wirkt sich aber dennoch auf die Kommunikation aus, durch die in Aussichtstellung einer Entscheidung zu Zeipunkt X. Aber das haben wir ja innerhalb der Partei schon ein wenig getestet.

    und schlussendlich ein „Mumble mit Video“, da gab es schon einige Vorschläge: Open Atrium und jitsi meet. Ich glaube die Hemmschwelle jemand zu beschimpfen wenn Gesichter zu sehen sind sinkt gewaltig.

    Gut wäre evtl. noch, zu definieren was wofür ist. Ich kann mir z.B. Vorstellen das Open Atrium oder jitsi meet für kurzfristige Entscheidungen funktionieren kann, quasi angekündigte Konferenztermine. Da funktioniert ja im übrigen Mumble durchaus, wenn man nur 5–8 Leute hat.

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